Alta
Endlich Winter

Alta
Wie im letzten Bericht erwähnt, mussten wir heute unverschämt früh aufstehen. Um sieben Uhr klingelte der Wecker. Ja, DAS IST FRÜH!! Vor allem, wenn man sich im Urlaub wähnt! Auch das Frühstück fiel viel kürzer aus als gewöhnlich, schließlich mussten wir bereits um 08:30 Uhr an den Bussen sein. Vorher galt es sich winterfest einzukleiden, denn wir waren tatsächlich im Winter angekommen. Minustemperaturen und weicher Schnee. Was für eine Freude. Und da wir heute eine Hundeschlittenfahrt wollten, hieß es, sich besonders warme Kleidung auszusuchen.
Als wir schließlich von Bord gingen, war die Skepsis aber erst einmal groß. Wo sollten die niedrigen Temperaturen herrschen? Hier war es knapp über 0° warm. Im Bus auf der Fahrt zur Husky Farm dann die Erklärung: Durch den Golfstrom ist es im Hafen von Alta relativ warm. Im Zentrum der Stadt, dass nur wenige Autominuten vom Hafen entfernt, dafür aber mehr im Landeinneren liegt, kann es bis zu 10° Unterschied geben - nach unten! Heute war es allerdings nicht ganz so schlimm. Das Thermometer pendelte sich bei -4°C ein. Und wieder war es trocken und so gut wie windstill. Ideale Wetterbedingungen also. Nur die Polarnacht gab mir zu denken. So früh am Morgen ist es eigentlich noch stockfinster. Die vielen warmen Lichter an und in den Häusern sowie die Reflektion des Schnees sorgen zwar für etwas Helligkeit, aber ob das zum Fotografieren von bewegten Dingen oder aus der Bewegung heraus ausreichte? Das waren jedenfalls aus Hobbyfotografensicht keine keine guten Voraussetzungen.
Nach einer kurzen Busfahrt von ca. 25 Minuten erreichten wir die in den Hügeln vor Alta gelegene Holmen Husky Lodge. Uns erwartete ein lautstarkes Gebell und ein englisch sprechender Guide, der uns erst einmal zeigte, wie wir den Schlitten besteigen sollten und uns dann in Gruppen aufteilte. Wir waren in der ersten Gruppe, die mit der Hundeschlittenfahrt begann. Also rauf auf den Schlitten, die Liebste vor mich gesetzt und dann ging sie auch schon los, die wilde Fahrt durch die Natur Norwegens. Einfach phänomenal, was diese Hunde leisten und welche Geschwindigkeit man fährt. Sechs Hunde ziehen drei Erwachsene bergauf, bergab durch den Wald. Eine wirklich tolle Sache. Ich hatte weder Mütze auf noch Handschuhe an, doch vor lauter Begeisterung konnte mir gar nicht kalt werden.
Unglaublich auch die Intelligenz, mit der unsere Leithündin die anderen Hunde und unsere Steuerfrau leitete. Durch einen kleinen Fahfehler sind wir in ab von der festgefahrenen Fahrspur in den tieferen Schnee geraten und der Schlitten hatte leichte Schräglage. Ich fragte die Steuerfrau, ob wir absteigen sollten. Sie meinte aber, dass das nicht nötig wäre. Sie hatte Recht, denn die Leithündin fand eine Öffnung in dem den Weg begrenzenden Zaun, in der sie genau den richtigen Winkel bekam, um den Schlitten wieder auf die Spur zu bringen. Sie, die Leithündin, nicht die Steuerfrau, dirigierte das Gespann in diese Lücke und ließ den Schlitten ein klein wenig ziehen. Dann dirigierte sie das Gespann wieder auf die Strecke und zog den Schlitten vollends aus dem Schlamassel. Respekt! Das, fand ich, war eine grandiose Leistung. Unsere Steuerfrau hat sie natürlich auch entsprechend gelobt.
Was das Fotografieren anging,
waren meine Befürchtungen nicht unbegründet. Die schnelle Fahrt und das wenige
Licht sorgten für viele verwackelten Bilder. Wie gut, dass es ab und an mal zu
einen Stau kam, immerhin waren vier Schlitten im Konvoi unterwegs und die Hunde
mache halt ihr eigenes Ding. Ist zum Beispiel ein Elch in der Nähe, wird
gestoppt und geguckt. Die Hunde sehen den Elch lange bevor ihn der Mensch
erkennt. Gut, dass heute kein Elch in Sicht war. Warum es trotzdem zu den Staus
kam, ist ungeklärt und auch egal. Für die Anzahl nicht verwackelter Fotos war
sie gut.
Leider ging die Fahrt viel zu schnell zu Ende. Wir haben wir uns anschließend
natürlich mit vielen Kuscheleinheiten gebührend von unserem Gespann
verabschiedet. Ganz besonders von der Leithündin, die wirklich einen tollen Job
gemacht hat.
Danach ging es in ein Samenzelt mit Lagerfeuer in der Mitte, heißem Tee oder
Kaffee und ein paar Plätzchen. In dieser geselligen Runde erzählte uns unser
Guide alles über die Aufzucht und das Leben der Huskies in der Lodge. Um es
kurz zu machen: Für die Hunde kann es nichts besseres geben. Sie leben in
großer Freiheit, werden von Geburt an sozialisiert und bekommen genau das, was
sie am Meisten lieben - sie dürfen rennen. Aber immer nur so viel, wie sie auch
Lust haben. Ein schönes Leben, was man den Hunden auch anmerkt. Nicht ein Hund,
der auch nur ansatzweise aggresiv ist.
Wenn die Hunde ein Alter erriecht haben, in dem sie keine Lust mehr verspüren,
Schlitten zu ziehen, werden sie in private Hände vermittelt, wobei darauf
geachtet wird, dass die Freiheit der Hunde gewahrt bleibt. Denn echte Haushunde
sind das wirklich nicht. Sie sind ihr bisheriges Leban lang Freiheit gewohnt,
sie bleiben selbst im tiefsten Winter draußen. Eine kleine Hütte mit Stroh
reicht ihnen. In den heißen Sommern legen sie sich Nachts nicht in die Hütte
sondern auf das Dach derselben. So kommen sie mit der Hitze besser klar. Würden
sie im Haus gehalten, würden sie auf dem Küchentisch schlafen, meinte unser
Guide.
Nachdem wir viel Wissenswertes über das Arbeiten mit den Tieren in der Lodge erfahren hatten, ging es nach draußen zum Hundekuscheln. Der Guide erklärte, welche Hunde hier überall in den Gattern waren und öffnet dann das Gatter einer wilden Bande von sechs Einjährigen. Die düsten erst einmal um uns herum und mussten natürlich alles beschnuppern. Als ich mich hinkniete und somit fast auf Augenhöhe mit den Welpen war, kamen sie alle zu mir gerannt. Ganz besonders interessant fanden sie den Gurt meiner Kamerea. Ein wenig streicheln ließen sie sich auch, aber Rennen war jetzt viel wichtiger. Wirklich eine lustige Bande. Die großen waren alle noch draußen im Gelände, Schlitten ziehen. Die kamen dann später mitsamt der Schlitten auch zu uns. Nachdem sie aus dem Geschirr gelöst waren, durften auch sie erst noch eine Runde frei laufen, bevor es Futter gab. Auf das freie Laufen und die Gefahr des Weglaufenes angesprochen meinte unser Guide: Er läuft nicht hinterher, wenn ein Hund das Gelände verlässt. Sie wissen, wo es das Futter gibt und kommen in der Regel nach einer halben Stunde von selbst zurück. Ich selbst hab zwei solcher Streuner gesehen. Sie kamen aus dem angrenzenden Wald oder vom Parkplatz zurück und gingen in aller Ruhe in leichtem Trab in Richtung ihrer Box, wo sie dann an einer langen Kette angeleint wurden.
Zum Schluß gab es noch einen Film über das Hunderennen Finnmarksløpet, bei dem die Teilnehmer 500 km in drei Tagen zurücklegen mussten. Der Hauptdarsteller hat gleich bei seiner ersten Teilnahme den 5. Platz belegt. Eine echte Leistung. Dabei haben wir dann erfahren, dass sich die Holmen Husky Lodge zwei Rennteams leistet. Die Hunde, die für die Rennen genutzt werden, werden schon früh anhand ihrer Charaktereigenschaften aussortiert und gesondert gefördert. Die ziehen dann keine Schlitten mit Touristen wie uns. Sie sind oft mehrere Tage mit ihrem Schlittenführer in der Wildnis Norwegens unterwegs. Ich wollte mich gleich für den Job als Schlittenführer für die Rennen bewerben. Das spöttische Lächeln, das mir geschenkt wurde, war schon sehr demoralisierend. Man traut mir wohl nicht zu, in der Wildnis bei dem Klima zu überleben. Da mag schon was dran sein 😄.
Zurück auf dem Schiff haben wir es erst einmal sehr ruhig angehen lassen. Ein
Kaffee, später ein Stück Gebäck und noch später die Verköstigung von gepökeltem
und geräuchertem Rentierherz, eine Snak-Delikatesse der Samen. Ich bin kein
Freund von Innereien, aber auf meiner letzten Hurtigrutentour hatte ein
samischer Guide uns diesen “Snack der Samen” angeboten, ohne zu sagen, worum es
sich handelt. Als er dann nach der vielen Zustimmung damit herausrückte, dass
es sich um getrocknetes Rentierherz handelte, waren alle überrascht. Ich
ebenso. Fortan habe ich getrocknetes Rentierherz als eine für mich durchaus
annehmbare Nahrungsquelle des Wohlgeschmacks klassifiziert. Klar also, dass ich
der heutigen Verköstigung beiwohnen wollte. Ganz anders zubereitet, aber
durchaus lecker. Von der Konsistenz her wie eine dünne Scheibe Rinderbraten,
vom Geschmack her wie ein Räucherschinken.
Was ich heute bei der Verköstigung noch gelernt habe, ist, dass man jemanden
kennen muss, der einen kennt, der wiederum einen kennt, der einem Rentierherz
besorgen kann. Es wird nicht frei verkauft und es ist wohl wirklich schwer,
welches zu bekommen. Ein Hoch auf unsere Koch, der das geschafft hat. Dieseer
Koch, ein Österreicher übrigens, hat sich sowieso ein Riesenlob verdient. Er
und seine Mannschaft sorgen Tag für Tag für ein wirlich ausgezeichnetes Essen.
Ich mag gar nicht die Waage sehen, wenn wir wieder zu Hause sind.
Morgen ist Sonntag und wir laufen den Hafen in Narvik an. Unternehmungen haben wir nicht gebucht. Vielleicht fahren wir mit dem Shuttlebus mal ins Citycenter und schauen, ob wir Dosen mit Backpulver und Vanillezucker bekommen. Dafür müsste aber ein Supermarkt geöffnet haben. Das ist hier oben an einem Sonntag nicht immer garantiert. Ansonsten werden wir einfach die Seele baumeln lassen und nichts tun. Das gilt dann auch fürs Fotografieren und Berichteschreiben. Morgen wird es aller Wahrscheinlichkei nach keinen Bericht geben. Ihr solltet aber trotzdem reinschauen. Vielleicht ändere ich ja meine Meinung noch …
























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